Einleitung
Ein Physiotherapietermin pro Woche kann ein wichtiger Anfang sein. Für einen wirksamen Trainingsreiz ist er allein aber oft zu wenig. Genau hier entsteht bei chronischem Kreuzschmerz ein häufiges Missverständnis: Ein gutes Übungsprogramm wird nicht automatisch dadurch ausreichend, dass die Übungen fachlich passend ausgewählt sind. Auch die Menge über die gesamte Woche spielt eine Rolle.
Eine 2024 veröffentlichte Netzwerk-Meta-Analyse liefert dafür eine auffallend konkrete Zahl: Ab etwa 520 MET-Minuten Training pro Woche erreichte die durchschnittliche Schmerzlinderung bei Menschen mit unspezifischem chronischem Kreuzschmerz eine zuvor definierte Schwelle klinischer Bedeutsamkeit. Das ist nützlich, weil sich Trainingsmengen damit erstmals anschaulich vergleichen lassen. Es ist aber keine magische Grenze und keine Verordnung, die für jeden Menschen gleichermaßen gilt.
Die praktisch wichtige Frage lautet deshalb nicht: „Wie schaffe ich um jeden Preis 520?“ Sondern: „Welche Bewegungsmenge ist für mich verträglich, umsetzbar und groß genug, um meine Belastbarkeit tatsächlich zu verändern?“
Kurzüberblick
- Bewegungstherapie reduziert bei chronischem unspezifischem Kreuzschmerz wahrscheinlich Schmerzen. Der Effekt auf die Funktion ist im Durchschnitt kleiner.
- 520 MET-Minuten pro Woche sind eine wissenschaftlich abgeleitete Orientierung aus einem modellbasierten Review, kein individuell validierter Grenzwert.
- MET-Minuten verbinden Intensität und Dauer. Dadurch lassen sich unterschiedliche Aktivitäten grob in einer gemeinsamen Einheit ausdrücken.
- Die Einheit misst Energieverbrauch, nicht den gesamten therapeutischen Wert einer Übung. Koordination, Kraftentwicklung, Vertrauen und funktionelle Ziele bildet sie nur unvollständig ab.
- Ein einzelner Termin kann Training anleiten und dosieren. Die wirksame Wochenmenge entsteht meist erst durch zusätzliche Aktivität außerhalb der Praxis.
- Die beste Trainingsform ist häufig die, die zur Person, zum Ziel und zur aktuellen Belastbarkeit passt und über Wochen tatsächlich durchgeführt wird.
Für wen gilt diese Dosisorientierung?
Die zugrunde liegende Untersuchung von Liang und Kolleg:innen schloss Erwachsene mit unspezifischem chronischem Kreuzschmerz ein. „Chronisch“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Beschwerden seit mindestens zwölf Wochen bestehen. „Unspezifisch“ heißt nicht, dass der Schmerz eingebildet oder unwichtig wäre. Gemeint ist, dass keine einzelne klar abgrenzbare Erkrankung wie eine Fraktur, Infektion oder Tumorerkrankung die Beschwerden hinreichend erklärt.
Die Zahl von 520 MET-Minuten lässt sich daher nicht einfach auf Schulterschmerzen, eine Achillessehnenbeschwerde, Arthrose oder neuropathische Schmerzen übertragen. Selbst bei Kreuzschmerz ist zunächst zu klären, ob die untersuchte Population zum individuellen Fall passt. Symptome, Verlauf, Funktion, Begleiterkrankungen und persönliche Ziele bleiben wichtiger als eine einzelne Rechengröße.
Was wissen wir über Training bei chronischem Kreuzschmerz?
Ein großer Cochrane-Review von Hayden und Kolleg:innen fasste 249 randomisierte Studien mit 24.486 Teilnehmenden zusammen. Gegenüber keiner Behandlung, üblicher Versorgung oder Placebo verringerte Bewegungstherapie den Schmerz im Mittel um 15,2 Punkte auf einer Skala von 0 bis 100. Das entsprach der zuvor festgelegten Schwelle für klinische Relevanz. Bei der Funktion betrug der mittlere Unterschied 6,8 Punkte und blieb damit unter der definierten Relevanzschwelle.
Diese Mittelwerte sind keine Erfolgsgarantie. Manche Menschen profitieren deutlich, andere wenig. Außerdem unterschieden sich die Studien erheblich hinsichtlich Trainingsform, Betreuung, Dauer und Vergleichsbehandlung. Trotzdem ist die Grundaussage belastbar: Strukturierte Bewegung ist bei chronischem unspezifischem Kreuzschmerz eine sinnvolle Behandlungsoption und wird auch von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen.
Die nächste Frage ist schwieriger. Wenn Training helfen kann, wie viel davon wird benötigt?
Woher kommen die 520 MET-Minuten?
Liang und Kolleg:innen werteten 82 randomisierte Studien mit insgesamt 5.033 Teilnehmenden aus. Mithilfe einer bayesianischen Netzwerk-Meta-Analyse modellierten sie den Zusammenhang zwischen Trainingsdosis und Schmerz. Das Modell zeigte keinen linearen Verlauf, bei dem mehr automatisch immer besser war:
- Ab etwa 520 MET-Minuten pro Woche wurde im Modell eine klinisch bedeutsame Schmerzverbesserung erreicht.
- Bei ungefähr 920 MET-Minuten pro Woche zeigte sich die stärkste statistisch signifikante Reaktion.
- Darüber nahm der modellierte Zusatznutzen wieder ab.
„Ab 520 wirkt Training“ wäre trotzdem eine zu grobe Übersetzung. Die Zahl trennt nicht zuverlässig Responder:innen von Non-Responder:innen. Sie stammt aus Gruppenmittelwerten verschiedener Studien und beruht auf statistischer Modellierung. Die Evidenzsicherheit bewerteten die Autor:innen je nach Ergebnis als sehr niedrig bis moderat.
Für die Praxis ist 520 deshalb eher mit einer Orientierungsmarke auf einer Landkarte vergleichbar als mit einer Ziellinie. Sie hilft, eine sehr kleine Wochenmenge zu erkennen und über Dosis zu sprechen. Ob eine Person darunter bereits profitiert oder mehr benötigt, lässt sich nur am Verlauf beurteilen.
Was sind MET-Minuten?
MET steht für „metabolisches Äquivalent“. Ein MET entspricht näherungsweise dem Energieverbrauch in Ruhe. Das 2024 Adult Compendium setzt dafür 3,5 Milliliter Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht und Minute beziehungsweise ungefähr eine Kilokalorie pro Kilogramm und Stunde an.
Jede Aktivität erhält einen MET-Wert als Vielfaches dieses Ruhewerts. Zügiges Gehen wird beispielsweise mit 3,8 MET angegeben. Die wöchentliche Menge ergibt sich aus:
MET-Wert × Minuten pro Einheit × Einheiten pro Woche = MET-Minuten pro Woche
Ein Beispiel: 30 Minuten zügiges Gehen an fünf Tagen ergeben bei 3,8 MET insgesamt 570 MET-Minuten.
| Beispielhafte Wochenaktivität | Rechnung | MET-Minuten |
|---|---|---|
| 1 × 20 Minuten moderates Krafttraining | 3,5 × 20 × 1 | 70 |
| 2 × 45 Minuten Wassergymnastik | 5,5 × 45 × 2 | 495 |
| 4 × 30 Minuten moderates Heimprogramm plus 1 × 20 Minuten moderates Krafttraining | (3,8 × 30 × 4) + 70 | 526 |
| 5 × 30 Minuten zügiges Gehen | 3,8 × 30 × 5 | 570 |
Die Werte stammen aus dem Compendium und sind Durchschnittswerte. Ob ein Spaziergang tatsächlich 3,8 MET entspricht, hängt unter anderem von Tempo, Untergrund, Fitness und individueller Physiologie ab. Die Rechnung ist daher eine Schätzung, keine präzise Messung.
Zählt jede Alltagsbewegung?
Auch Haushaltsarbeit, Arbeitswege und Freizeitaktivitäten verbrauchen Energie und lassen sich grundsätzlich in MET ausdrücken. Die 520er-Orientierung wurde jedoch aus Studien zu Trainingsinterventionen abgeleitet. Es wäre deshalb vorschnell, jede beliebige Alltagsaktivität therapeutisch eins zu eins mit einem gezielten Trainingsprogramm gleichzusetzen.
Praktisch darf Bewegung trotzdem breiter gedacht werden. Zügiges Gehen, Radfahren, ein Heimprogramm oder Krafttraining können je nach Ausgangslage sinnvolle Bestandteile sein. Entscheidend ist, was sie für das konkrete Ziel leisten: Soll wieder längeres Gehen möglich werden, soll die Rumpf- und Beinkraft steigen oder soll Vertrauen in eine bisher vermiedene Bewegung zurückkehren?
Warum MET nicht den ganzen Trainingsreiz beschreibt
MET-Minuten haben einen Vorteil: Sie machen Intensität und Dauer gemeinsam sichtbar. Gleichzeitig reduzieren sie ein komplexes Training auf den Energieverbrauch.
Das führt zu einem bemerkenswerten Widerspruch. In der Analyse von Liang und Kolleg:innen schnitt Pilates unter den untersuchten Trainingsformen am besten ab. Das Adult Compendium weist Matten-Pilates aber nur mit 1,8 MET aus, also mit einem relativ niedrigen Energieverbrauch. Das ist kein Rechenfehler. Es zeigt vielmehr, dass energetischer Aufwand und therapeutischer Nutzen nicht dasselbe sind.
Ein Training kann wenig Energie verbrauchen und trotzdem Koordination, Bewegungskontrolle, Kraft oder Vertrauen fordern. Umgekehrt kann eine energetisch anstrengende Aktivität am individuellen Ziel vorbeigehen. MET-Minuten sollten deshalb nie allein über die Auswahl oder Steigerung eines Programms entscheiden.
Mythos und Evidenz: Es gibt die eine beste Übung
Rückenschmerzen werden häufig mit der Suche nach der „richtigen“ Übung verbunden. Die Forschung unterstützt eine so enge Sicht nicht. Verschiedene Trainingsformen können helfen, und Rangfolgen hängen vom untersuchten Ergebnis, den eingeschlossenen Studien und der statistischen Methode ab.
Eine Übungsauswahl ist dann plausibel, wenn sie zur angestrebten Funktion passt, ausreichend dosierbar ist und von der Person akzeptiert wird. Die perfekte Übung, die unabhängig von Kontext und Dosis allen hilft, gibt die Evidenz nicht her.
Von der Zahl zum persönlichen Wochenplan
Eine Wochenplanung beginnt nicht bei 520, sondern beim aktuellen Stand. Wer bislang kaum aktiv ist, eine hohe Reizbarkeit zeigt oder große Sorge vor Bewegung hat, benötigt einen anderen Einstieg als eine sportlich aktive Person mit gut steuerbaren Beschwerden.
1. Die tatsächliche Woche erfassen
Zuerst wird notiert, was realistisch stattfindet: Praxistermine, Heimübungen, Gehen, Radfahren oder anderes strukturiertes Training. Gemeint ist nicht der ideale Plan, sondern die tatsächlich umgesetzte Menge. Erst diese Bestandsaufnahme zeigt, ob die aktuelle Dosis sehr klein ist oder bereits in einem plausiblen Bereich liegt.
2. Eine erreichbare Steigerung wählen
Der Sprung von 70 auf 520 MET-Minuten innerhalb einer Woche ist für viele Menschen weder nötig noch sinnvoll. Eine kleinere zusätzliche Einheit, zehn Minuten mehr Gehzeit oder ein weiterer Trainingstag können der bessere nächste Schritt sein. Belastung wird so gesteigert, dass sie wiederholbar bleibt.
Eine vorübergehende Zunahme von Beschwerden während oder nach dem Training bedeutet nicht automatisch, dass Gewebe geschädigt wurde. Relevant sind Ausmaß, Dauer und Verlauf der Reaktion: Beruhigen sich die Beschwerden wieder? Bleibt die Alltagsfunktion erhalten? Entwickeln sich Belastbarkeit und Sicherheit über mehrere Wochen in die gewünschte Richtung? Bei anhaltender deutlicher Verschlechterung sollte die Dosis angepasst und der Befund erneut eingeordnet werden.
3. Training auf die Woche verteilen
Mehrere kürzere Einheiten sind oft leichter in den Alltag einzubauen als eine einzelne lange Einheit. Die Verteilung kann außerdem helfen, Reaktionen besser einzuschätzen. Eine mögliche Woche könnte aus zwei Krafttrainings, zwei kürzeren Heimprogrammen und mehreren zügigen Spaziergängen bestehen. Das ist ein Beispiel, keine allgemeine Verordnung.
4. Mehr als Schmerz messen
Schmerz schwankt und reagiert nicht bei allen Menschen sofort auf Bewegung. Fortschritt kann sich zunächst anders zeigen:
- längeres Sitzen, Gehen oder Stehen,
- weniger Unsicherheit bei Bewegung,
- höhere Trainingslast oder mehr Wiederholungen,
- schnellere Erholung nach Belastung,
- Rückkehr zu Arbeit, Freizeit oder Sport.
Ein Programm sollte deshalb nicht allein danach bewertet werden, ob der Schmerz nach jeder Einheit niedriger ist.
Auch die verbreitete Erklärung, Bewegung aktiviere bei chronischen Schmerzpatient:innen zuverlässig eine unmittelbare körpereigene Schmerzhemmung, ist nicht gut belegt. Wewege und Jones konnten diesen Effekt für isometrisches Training bei chronischem muskuloskelettalem Schmerz nicht nachweisen; für Ausdauer- und dynamisches Krafttraining reichten die damaligen Daten nicht aus. Das widerlegt eine mögliche akute Schmerzlinderung nicht, macht sie aber zu einem ungeeigneten Erfolgsmaßstab für jede einzelne Einheit. Training lässt sich belastbarer über Funktion, Kapazität und langfristige Teilhabe begründen.
Eine individuelle physiotherapeutische Untersuchung und Planung kann helfen, Ausgangslage, Reizbarkeit, Ziele und mögliche Hürden zusammenzuführen. Bei Genesio können dazu konkrete Heimaktivitäten oder Trainingspläne vereinbart werden. Ob 520 MET-Minuten dabei eine hilfreiche Orientierung sind, hängt vom jeweiligen Befund ab.
Welche Trainingsform ist die richtige?
Die Auswahl sollte sich nicht ausschließlich am höchsten MET-Wert orientieren. Häufig sind vier Fragen hilfreicher:
- Was soll wieder möglich werden? Wer wieder längere Strecken gehen möchte, benötigt andere Schwerpunkte als jemand, der schwere Gegenstände heben oder in den Sport zurückkehren will.
- Was ist aktuell verträglich? Belastung darf fordern. Sie sollte aber so dosiert sein, dass das Programm regelmäßig wiederholt werden kann.
- Was lässt sich steigern? Dauer, Häufigkeit, Widerstand, Bewegungsausmaß oder Komplexität können schrittweise angepasst werden.
- Was passt in den Alltag? Ein theoretisch gutes Programm hilft wenig, wenn Zeit, Zugang, Vorlieben oder Unsicherheit seine Umsetzung verhindern.
Wenn im Verlauf gezielt mehr Kraft und funktionelle Belastbarkeit aufgebaut werden sollen, kann die Krankengymnastik am Gerät ein Baustein sein. Die betreute Einheit ersetzt die Aktivität im übrigen Wochenverlauf nicht. Sie kann aber dazu dienen, Übungen passend auszuwählen, Belastung zu erproben und eine sinnvolle Progression vorzubereiten.
Wenn Angst oder Alltag die Dosis begrenzen
Zu wenig Training ist nicht automatisch ein Motivationsproblem. Eine qualitative Übersichtsarbeit von Gilanyi und Kolleg:innen fand ein Zusammenspiel aus körperlichen Erfahrungen, Überzeugungen, psychologischen, sozialen und äußeren Faktoren. Dieselbe Bedingung konnte je nach Person als Hürde oder Unterstützung wirken. Schmerzen während einer Einheit, Sorge vor Schäden, Zeitmangel oder fehlender Zugang zu passenden Angeboten verlangen daher unterschiedliche Lösungen.
Auch Edukation kann eine Rolle spielen. In einer Meta-Analyse von fünf randomisierten Studien verbesserte Schmerzedukation zusätzlich zu Bewegung kurzfristig vor allem die Kinesiophobie, also die Angst vor Bewegung. Die Daten erlauben aber keine pauschale Aussage, dass fehlende Trainingsmenge meistens durch Angst verursacht wird. Ebenso wenig ersetzt ein Aufklärungsgespräch das aktive Programm.
Gute Planung fragt deshalb konkret:
- Ist die Belastung körperlich zu hoch oder wirkt sie nur bedrohlich?
- Fehlen Zeit, Ort oder geeignete Übungen?
- Ist das Ziel für die Person bedeutsam?
- Ist klar, wie bei einer vorübergehenden Schmerzreaktion gehandelt werden soll?
- Passt die aktuelle Steigerung zur tatsächlichen Reaktion?
Adhärenz, also die längerfristige Umsetzung eines Programms, ist wahrscheinlich relevant. Eine 2025 veröffentlichte Sekundäranalyse des Cochrane-Reviews fand bei hoher Adhärenz größere Verbesserungen von Schmerz und Funktion. Die Evidenz war jedoch niedrig bis sehr niedrig, und andere Unterschiede zwischen den Studien könnten den Zusammenhang mit erklären. „Du musst dich nur daran halten“ wäre daher weder wissenschaftlich sauber noch hilfreich.
Was gilt für Menschen ab 60 Jahren?
Für Menschen ab 60 existiert ein eigenes Older Adult Compendium. Es verwendet für den Ruheumsatz 2,7 statt 3,5 Milliliter Sauerstoff pro Kilogramm und Minute. Dadurch erhält dieselbe Aktivität häufig einen höheren altersbezogenen MET-Wert als in der Standardtabelle. Mit Standard-MET kann der relative Energieaufwand älterer Menschen unterschätzt werden.
Das bedeutet rechnerisch: Eine bestimmte MET-Menge kann mit weniger Minuten erreicht werden, wenn altersbezogene MET-Werte verwendet werden. Daraus folgt aber nicht, dass für ältere Menschen ein validiertes, niedrigeres Therapieziel existiert. Liangs Schwelle wurde mit Standard-MET berechnet; ein eigener klinischer Schwellenwert für Menschen ab 60 wurde nicht untersucht.
Für die Praxis ist das ein weiterer Grund, 520 nicht als starre Vorgabe zu verwenden. Fitness, Begleiterkrankungen, Erholung und die individuelle Reaktion wiegen schwerer als eine scheinbar exakte Umrechnung.
Clinical Pearls für Therapeut:innen
- Erfasst zunächst die real umgesetzte Wochendosis statt nur den Inhalt des Praxistermins.
- Nutzt 520 MET-Minuten als Gesprächs- und Reflexionshilfe, nicht als Bestehensgrenze.
- Trennt Energieverbrauch von therapeutischem Reiz. MET ersetzt keine funktionsbezogene Trainingsplanung.
- Steigert die Dosis so, dass Wiederholbarkeit und Adhärenz erhalten bleiben.
- Prüft bei geringer Umsetzung konkrete Hürden, statt vorschnell mangelnde Motivation anzunehmen.
- Dokumentiert neben Schmerz auch Funktion, Belastbarkeit, Erholung und zielbezogene Aktivitäten.
- Übertragt die 520er-Orientierung nicht ungeprüft auf andere Schmerzdiagnosen.
Was bedeutet das für Patient:innen?
Du musst nicht von heute auf morgen eine bestimmte Zahl erreichen. Die 520 MET-Minuten zeigen vor allem, dass ein kurzer Termin pro Woche häufig nicht die gesamte Trainingsmenge liefern kann, die in Studien mit einer bedeutsamen durchschnittlichen Verbesserung verbunden war.
Ein sinnvoller Plan beginnt bei deiner aktuellen Belastbarkeit. Er kombiniert passende Aktivitäten, verteilt sie realistisch über die Woche und wird anhand deiner Reaktion angepasst. Der Schmerz muss dabei nicht nach jeder Einheit sofort verschwinden. Ziel ist, dass du über die Zeit wieder mehr tun kannst und dich im Umgang mit Belastung sicherer fühlst.
Bei neu auftretenden Lähmungserscheinungen, Störungen der Blasen- oder Darmkontrolle, Taubheit im Schrittbereich, Fieber in Verbindung mit starken Rückenschmerzen, einem relevanten Unfall oder anderen ungewöhnlichen und rasch zunehmenden Symptomen ist eine zeitnahe ärztliche Abklärung wichtig. Diese Hinweise sind selten und ersetzen keine individuelle Untersuchung.
Fazit
Die Dosisfrage ergänzt die bisherige Debatte um Trainingsformen um einen wichtigen Punkt: Ein fachlich gutes Programm kann zu klein sein, um die gewünschte Anpassung auszulösen. Rund 520 MET-Minuten pro Woche bieten dafür bei unspezifischem chronischem Kreuzschmerz eine konkrete, aber unsichere Orientierung.
Die Zahl sollte weder ignoriert noch überschätzt werden. Sie hilft, Unterdosierung sichtbar zu machen. Sie sagt jedoch nicht, welche Aktivität für eine bestimmte Person richtig ist, wie schnell gesteigert werden sollte oder ob der individuelle Nutzen genau an dieser Schwelle beginnt. Gute Rehabilitation verbindet deshalb drei Ebenen: eine ausreichende Wochenmenge, einen passenden Trainingsreiz und einen Plan, der im wirklichen Leben Bestand hat.
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FAQ
Wie viel Training pro Woche hilft bei chronischem Kreuzschmerz?
Eine Netzwerk-Meta-Analyse fand ab etwa 520 MET-Minuten pro Woche eine klinisch bedeutsame durchschnittliche Schmerzlinderung. Die Zahl ist eine Orientierung für unspezifischen chronischen Kreuzschmerz, kein persönlicher Mindestwert. Ausgangslage, Verträglichkeit und Verlauf entscheiden über die passende Dosis.
Was entsprechen 520 MET-Minuten in normaler Bewegung?
Rechnerisch entsprechen sie ungefähr fünf Einheiten von je 30 Minuten zügigem Gehen bei 3,8 MET. Auch verschiedene Aktivitäten können kombiniert werden. Die tatsächliche Intensität und damit der MET-Wert variieren jedoch zwischen Personen.
Muss ich jede Woche genau 520 MET-Minuten erreichen?
Nein. Unterhalb der Marke kann Training helfen, und oberhalb davon ist ein größerer Nutzen nicht garantiert. Die Zahl macht die Größenordnung sichtbar; sie ist keine Bestehensgrenze und sollte nicht gegen deutliche oder anhaltende Überlastungsreaktionen durchgesetzt werden.
Sind 920 MET-Minuten besser als 520?
Im statistischen Modell lag die stärkste signifikante Reaktion bei ungefähr 920 MET-Minuten. Daraus folgt nicht, dass jede Person diese Menge anstreben sollte. Mehr ist nicht automatisch besser, und die Evidenzsicherheit des Modells war begrenzt.
Welches Training ist bei chronischem Kreuzschmerz am besten?
Es gibt keine Trainingsform, die für alle Menschen eindeutig überlegen ist. Pilates schnitt in einer Analyse zwar am besten ab, doch solche Rangfolgen sind unsicher. Ziele, Belastbarkeit, Vorlieben, Zugang und langfristige Umsetzbarkeit sollten die Auswahl mitbestimmen.
Zählt Spazierengehen als Training gegen Rückenschmerzen?
Zügiges Gehen kann ein sinnvoller Bestandteil sein und lässt sich über MET-Minuten erfassen. Ob es allein die relevanten Ziele abdeckt, hängt vom Fall ab. Für Kraft, Heben oder sportliche Anforderungen können zusätzliche spezifische Übungen erforderlich sein.
Darf Training bei Rückenschmerzen wehtun?
Eine vorübergehende Schmerzreaktion bedeutet nicht automatisch Schaden. Entscheidend sind Stärke, Dauer und weiterer Verlauf sowie die Auswirkungen auf Alltag und Funktion. Deutlich zunehmende oder anhaltende Beschwerden sollten Anlass sein, Dosis und Befund erneut zu prüfen.
Reicht ein Physiotherapietermin pro Woche aus?
Ein Termin kann Untersuchung, Anleitung, Belastungserprobung und Progression ermöglichen. Die gesamte wirksame Wochenmenge entsteht jedoch häufig erst durch vereinbarte Heimaktivitäten oder weiteres Training zwischen den Terminen.
Gilt die 520er-Orientierung auch für Menschen über 60?
Ein validierter Schwellenwert für Menschen ab 60 existiert nicht. Altersbezogene MET-Werte fallen für dieselbe Aktivität häufig höher aus, weil das Older Adult Compendium einen niedrigeren Ruheumsatz berücksichtigt. Deshalb sollte die Standardzahl in dieser Altersgruppe besonders vorsichtig eingesetzt werden.
Literaturverzeichnis
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